Wenn´s knatscht und knirscht – Streiten mit der Jahreslosung

Qualitätsmerkmale:

  Freiwilligkeit

Die Handlungsanregungen sind sprachlich eindeutig als freiwillig gekennzeichnet.

✅️ Haltung

Der Einsatz des Materials fördert eine Haltung der Wertschätzung und des Respekts gegenüber anderen Menschen und der Welt.

✅️ Ermutigung

Es wird erkennbar eine angstfreie Begegnungs- und Lernsituation angestrebt.

✅️ Anregen zum Fragen

Durch den Einsatz des Materials und die beschriebenen Aktivitäten werden Gelegenheiten und Freiräume eröffnet, (religiöse) Fragen zu formulieren und individuelle sowie geteilte Antwortversuche zu erproben.

✅️ Stärkung

Der Einsatz des Materials fördert eine individuelle Stärkung der Kinder.

  Selbstbildung

Die im Material beschriebenen Aktivitäten und Prozesse fördern das aktive Lernen bzw. eine aktive (Selbst-)Bildung.

  Vielfaltsbewusstsein

Der Einsatz des Materials fördert den Umgang mit unterschiedlichen Wertesystemen, Weltanschauungen oder Familienreligionen.

  Religiöse und kulturelle Orientierung

Der Einsatz des Materials fördert eine Orientierung in der christlichen (Symbole, Zeiten, Feste, Lebenssituationen) Prägung der Kultur.

  Regionaler Bezug

In den Ausführungen wird ein Bezug zum (regionalen) Orientierungsplan/Bildungsplan hergestellt.

✅️ OER

Das Material erfüllt OER-Standards.

Kurzbeschreibung

Überlegungen zur Jahreslosung im Alltagleben der Kita.

Die Jahreslosung 2024 ist eine Herausforderung: „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe“ (1.Kor 16,14). Wie kann dieser Satz in einer Kindertageseinrichtung im Jahr 2024 eine Bedeutung haben? Was kann er den Menschen, die dort viel Zeit ihres Lebens verbringen, sagen? Diese Fragen haben mich in den letzten Wochen bewegt und ich möchte euch mit diesem Beitrag mit in die Überlegungen hineinnehmen.

Pädagogische und religionspädagogische Überlegungen

Die Jahreslosung ist ein „netter Satz“, wenn alles läuft und die Wellen des Alltags überschaubar bleiben, wenn in der Kita ein Fest gefeiert wird, vielleicht ein Geburtstag, wenn die Stimmung ausgeglichen und fröhlich ist. Doch natürlich enthält jeder Tag auch andere Momente, solche in denen es an den unterschiedlichsten Punkten „knatscht und knirscht“, zwischen Kindern ebenso wie zwischen Erwachsenen. Wenn die Jahreslosung im Alltag der Kita etwas zu sagen haben kann, dann vielleicht gerade in diesen Momenten. Streiten oder Konflikte austragen im Angesicht dieser Losung: Kann das denn möglich sein?

Eine Herausforderung hierfür besteht vielleicht schon ganz grundsätzlich darin, dass Konflikte im Alltag eher als „Störungen“ denn als kreative Herausforderungen wahrgenommen werden. Und das entspricht oft ganz „normalen“ Alltagserfahrungen. Die Kita-Tage sind angefüllt mit Aufgaben und Ereignissen. Ein Konflikt kommt zu diesen dazu und erfordert im Grunde eine Unterbrechung, die so nicht geplant ist.

Ganz unabhängig vom Leben in der Kita gibt es viele Parallelen in unserer gesellschaftlichen, kulturellen oder biografischen Prägung. Ich möchte einen kurzen Abstecher in die Welt der Märchen wagen. Im Märchen begegnen in der Regel die Heldinnen und Helden ganz unterschiedlichen Herausforderungen oder Bedrohungen. Sie erleben tiefe Konflikte. In der Auflösung derselben verhält es sich so, dass die Bedrohungen eliminiert werden. Die Ordnung wird wieder hergestellt, indem die Störung „weggemacht“ wird. Der Wolf muss sterben, die Hexe im Ofen brennen, dann ist wieder Frieden für alle anderen, die glücklich bis an ihr Ende leben können. Für mich liegt die Vermutung nahe, dass sich hierin auch eine Perspektive auf Konflikte zeigt, eine Lebenshaltung, die viele Erwachsene prägt. Ich frage mich, ob sich das nicht alternativ denken ließe? Kann man andere Lösungen finden, in denen ein Lebensrecht für alle erhalten bleibt? Lösungen ohne Verlierende?

Wenn man das kreative Potential von Konflikten, die ihnen innewohnende kreative Kraft sehen könnte, die wie „Salz in der Suppe des Lebens“ wirkt, dann würden sie eventuell weniger bedrohlich oder störend erscheinen. Das wäre eine grundsätzlich andere Lebensperspektive, die in erster Linie für Erwachsene bedenkenswert wäre. Denn Kinder bekommen im Zusammenleben mit Erwachsenen in der Kita natürlich mit, wie diese auf Konflikte oder Störungen reagieren und mit ihnen umgehen.

Zurück zur Jahreslosung: Wie können Menschen „in Liebe“ „streiten“ lernen? Diese Frage beschäftigt mich, seitdem mir die Jahreslosung für das Jahr 2024 über das Netz zuflatterte. „Lieben“ und „Streiten“ zugleich. „Streiten“ ist vielleicht das passendere Wort für die Kita, besser als „Konflikte austragen“ o.ä.. Beide wirken auf mich wie ein Gegensatz. Aber vielleicht ist das ja ein Trugschluss. Vielleicht ist es möglich, den Satz auch ganz anders zu lesen. Ich versuche es mit Fragen:
Wie können Menschen lernen, so zu streiten, dass sie selbst und auch die Streitpartner im übertragenen Sinn „am Leben bleiben“? Wie können wir eine Atmosphäre schaffen, in der Anerkennung, Achtung und Wertschätzung für uns selbst und für andere Raum haben? Wie können die Konflikte in einer solchen Atmosphäre ihr kreatives Potential entfalten? Wie sind Konflikte ohne Verlierende möglich?

Vielleicht sind das utopische Gedanken, aber mindestens Ausdruck einer Hoffnung. Ich halte es deshalb für lohnenswert die Jahreslosung zum Anlass für diese Fragen zu nehmen und mit den Kindern nach Antworten zu suchen und gemeinsam zu überlegen, wie sie mit Leben gefüllt werden können.

Ihre unterschiedlchen Antworten werden auch solche sein, die in einem größeren Zusammenhang stehen, die zukunftswirksam sind und gesellschaftsstiftend wirken. Sie tragen zu einem demokratischen Zusammenleben bei, das am Frieden festhält.

Kinderfahrung

Kinder erleben jeden Tag sehr viel Leben in der Kita. Dazu gehört auch Stress. Das Zusammenleben von Vielen bedeutet täglich neue Aushandlungsherausforderungen. Es erfordert eigene Interessen zu kennen und auszudrücken und die Interessen anderer wahrzunehmen. Natürlich ist das etwas, was ein Kind in einer Krippe anders erlebt als ein Kind kurz vor dem Übergang in die Grundschule. Gleichwohl bleibt die Aufgabe – je nach Ausgangslage des Kindes – dies an jedem Tag neu mit Leben zu füllen.

Gerade sehr junge Kinder erleben ein friedensstiftendes und kreatives Konfliktverhalten in erster Linie durch das Sprechen, Handeln und die Haltung Erwachsener. Schritt für Schritt und Erfahrung für Erfahrung können sie in der Kindergartengesellschaft eine Art „friedvolles Streiten“ lernen. Sie können lernen, andere Perspektiven als die eigenen wahrzunehmen und eigene Perspektiven auszudrücken.

Natürlich erleben Kinder in ihrem Umfeld unterschiedlichste Streitkulturen. Vielleicht hören sie auch Botschaften wie: „Du musst dich wehren!“, „Du musst zurück hauen!“ oder auch einfach „Sei lieb!“, „Sag Entschuldigung“. Es kann sein, dass die Kita, die es sich zum Ziel setzt, eine friedvolle und in Anerkennung gestaltete Streitkultur zu entwickeln, ein Gegenmodell zu anderen Erfahrungen in den Lebensumwelten der Kinder darstellt. Dies muss keinen Mangel darstellen, sondern ist vielleicht gerade eine Chance im Aufwachsen in einer vielfältig gestalteten Gesellschaft.

Kinder erleben in der Kita natürlich auch Erwachsene. Sie nehmen wahr, wie diese miteinander sprechen und wie diese sich gegenüber Kindern in Konfliktsituationen verhalten.

Viele Kinder erleben sicher auch, dass Erwachsene in ihre Konflikte „eingreifen“, vielleicht schnelle Konfliktlösungen und ebensolches Herstellen eines oberflächlichen Friedens forcieren. Oder solche, die Kinder zum „nicht streiten“ anhalten. Dies ist sinnlogisch, wenn Konflikte unliebsame „Störungen“ und „Bedrohungen“ im Alltag darstellen. Nur haben Kinder auf diese Weise die Chance, in Liebe streiten zu lernen? Ich vermute, ihnen bleiben auf diese Weise eher jeden Tag Lern- und Entwicklungsanlässe verschlossen. Ein angemessenes Streitverhalten können Kinder mit Kindern gemeinsam entwickeln – unterstützt und begleitet von Erwachsenen, die sich als Spiegel, Wort- und Gedankenspendende anbieten.

Und wie kann das gehen?

Wie ist es möglich einer wertschätzenden und anerkennenden Streitkultur in der Kita ein Gesicht zu verleihen? Gerade in Konfliktfällen liegen die Nerven bei allen Beteiligten oft blank: Es ist wenig Zeit, alle wollen was und dann knallt es auch noch ….

Die Arbeit an herausfordernden Situationen im Alltag braucht vielleicht genau so ein „Formular“ wie es solche für positiv besetzte Anlässe auch gibt. In vielen Kitas gibt es diese zum Beispiel für Geburtstagsfeiern oder große Anlässe im Jahr. Warum nicht auch fürs „Streiten“? Die Chance besteht darin, dass ein solches Formular in einer eher stressigen Situation an wichtige Werte im Zusammenleben erinnert und es leichter macht, friedvolle und kreative Konfliktlösungen anzubahnen, weil sich jede Person an eine Art „Fahrplan“ halten kann.

Ein solches „Streitformular“ muss mit den Kindern gemeinsam entwickelt und immer wieder neu verhandelt werden. Erst dann kann es sich im Alltag als tragend erweisen. Es ist darüber hinaus nicht unmittelbar zu vereinheitlichen, sondern muss von Situation zu Situation und Konstellation zu Konstellation variiert werden. Dennoch kann es eine unterstützende Struktur für das Einüben von kreativen Konfliktlösungen, die auf Anerkennung und Wertschätzung basieren, bieten.

Die im Folgenden skizzierten Elemente bilden eine Sammlung von Ideen, die für ein solches „Streitformular“ hilfreich sein können. Jede der Überlegungen beschreibt vorerst Gedanken und Impulse, die im Alltag der Kita mit Leben gefüllt werden. Ideen aus der Praxis sind daher herzlich willkommen!

Was erlebst du mit den Impulsen?

Dieser Beitrag bietet eher Denkanstöße als fertige Lösungen und wartet darauf, durch deine Erfahrungen im Alltagsleben der Kita bereichert zu werden. Wenn du also Eindrücke zum Thema dieses Materials gesammelt, mit den Kindern etwas ausprobiert oder entdeckt hast, dann hinterlasse doch bitte einen Kommentar.

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