„Fürchte dich nicht!“ Eine Geschichte vom kleinen Engel

Qualitätsmerkmale:

  Freiwilligkeit

Die Handlungsanregungen sind sprachlich eindeutig als freiwillig gekennzeichnet.

  Haltung

Der Einsatz des Materials fördert eine Haltung der Wertschätzung und des Respekts gegenüber anderen Menschen und der Welt.

  Ermutigung

Es wird erkennbar eine angstfreie Begegnungs- und Lernsituation angestrebt.

  Anregen zum Fragen

Durch den Einsatz des Materials und die beschriebenen Aktivitäten werden Gelegenheiten und Freiräume eröffnet, (religiöse) Fragen zu formulieren und individuelle sowie geteilte Antwortversuche zu erproben.

✅️ Stärkung

Der Einsatz des Materials fördert eine individuelle Stärkung der Kinder.

  Selbstbildung

Die im Material beschriebenen Aktivitäten und Prozesse fördern das aktive Lernen bzw. eine aktive (Selbst-)Bildung.

  Vielfaltsbewusstsein

Der Einsatz des Materials fördert den Umgang mit unterschiedlichen Wertesystemen, Weltanschauungen oder Familienreligionen.

✅️ Religiöse und kulturelle Orientierung

Der Einsatz des Materials fördert eine Orientierung in der christlichen (Symbole, Zeiten, Feste, Lebenssituationen) Prägung der Kultur.

  Regionaler Bezug

In den Ausführungen wird ein Bezug zum (regionalen) Orientierungsplan/Bildungsplan hergestellt.

✅️ OER

Das Material erfüllt OER-Standards.

Kurzbeschreibung

Meine Kindergartenkinder haben sich eine Engelsgeschichte zu Weihnachten gewünscht und so ist diese Erzählung entstanden.

Die Erzählung

„Fürchte dich nicht!“
Eine Erzählung vom kleinen Engel zur Weihnachtszeit

„Hei, Kleiner? Wo steckst du bloß wieder?“

Der kleine Engel duckt sich noch ein wenig tiefer. Der große Engel ruft nach ihm!
Das kann nichts Gutes bedeuten…

„Hei Kleiner? Wo bist du bloß? Versteckst du dich etwa vor mir?“

Das kann der kleine Engel nicht auf sich sitzen lassen. Er ist ja schließlich kein Angsthase! Obwohl, eigentlich schon – ein wenig. So richtig mutig ist er nicht, eher ängstlich.

„Hei Kleiner, komm schnell! Gott hat einen Auftrag für dich!“

Gott hat einen Auftrag für mich? Das kann nicht sein!
„Hier bin ich! Es tut mir leid, großer Engel, aber du musst dich irren.
Ich bin hier doch der Kleinste. Gott kann sicher nicht mich gemeint haben!“

„Doch“, sagt der große Engel und lächelt geheimnisvoll, „Gott hat ausdrücklich dir diesen Auftrag erteilt! Hier ist eine Nachricht von Gott für die Hirten auf dem Feld. Du sollst ihnen diese Mitteilung überbringen. Am besten, du machst dich gleich auf den Weg – es wird schon dunkel! Das muss heute Nacht noch raus und denke bitte daran: Laut und deutlich musst du die Botschaft überbringen! Am besten du übst ein wenig auf dem Weg!“
Der große Engel streckt ihm eine Schriftrolle entgegen.

Der kleine Engel atmet tief ein. Da bleibt ihm wohl nichts anderes übrig. Er muss sich auf den Weg machen. Komisch, bei den Hirten auf dem Feld war er noch nie.
Er hat schon öfters von diesen Menschen gehört, die sind so mutig! Hirten passen Tag und Nacht auf die Schafe auf, sie beschützen sie vor all den gefährlichen Tieren und sorgen sich gut um ihre Herde. Die Hirten sind immer auf der Suche nach den besten Weiden und Wasserstellen für ihre Schafe. Dabei durchkämmen sie das Land und kommen an ganz abgelegene Stellen.

„Manche sagen auch, Gott ist wie ein Hirte“, überlegt der kleine Engel, „das stimmt auch. Gott passt auf die Menschen auf, er kümmert sich um sie und ist immer für sie da! Das ist schön!“

Was für eine Botschaft die Hirten wohl von Gott bekommen? Neugierig öffnet der kleine Engel die Schriftrolle. Er muss ja schließlich üben, um den Hirten die Nachricht klar und deutlich vorzutragen. „FÜRCHTE DICH NICHT!“, steht da in großen Buchstaben. Der kleine Engel erschrickt, was soll das bedeuten? Leise liest er noch einmal: FÜRCHTE DICH NICHT!

Der kleine Engel schaut auf. Was soll das bedeuten? FÜRCHTE DICH NICHT! Ausgerechnet die Hirten auf dem Feld, die so mutig sind, ausgerechnet ihnen soll er so eine Botschaft bringen. Wovor sollten sich die Hirten denn fürchten?

Der kleine Engel schaut sich um. Es ist dunkel geworden und da kommt wieder dieses komische Gefühl… dieses flaue Gefühl im Bauch, der dicke Kloß im Hals und das Zittern in den Händen. Die Dunkelheit hat der kleine Engel noch nie gemocht. Am Tag, wenn die Sonne scheint, da kann man alles um sich herum erkennen, alles ist vertraut. Aber wenn die Sonne untergeht und die Schatten länger werden, verändert sich alles.

„FÜRCHTE DICH NICHT!“, sagt der kleine Engel leise. Er hat einen Auftrag, er muss diese Botschaft zu den Hirten auf das Feld bringen! Da gibt es keine Ausreden! Nochmals, etwas lauter, sagt er: „FÜRCHTE DICH NICHT!“ Und irgendwie scheint die Botschaft zu funktionieren. Der Kloß im Hals wird kleiner und mit festen Händen packt er die Schriftrolle. Das komische Gefühl ist immer noch ein bisschen da, aber der kleine Engel geht entschlossen weiter.

Wenn er die Dunkelheit um sich herum betrachtet, dann ist die gar nicht so schwarz und düster. Ein feiner Schimmer ist am Himmel zu sehen.
In diesem Moment hört der kleine Engel ein seltsames Geräusch und erschrickt.
Da ist sie wieder, die Angst: das Zittern, der Kloß und das flaue Gefühl.

„Was ist das?“, der kleine Engel schaut sich um, da hinten, im Busch, da bewegt sich was…

„FÜRCHTE DICH NICHT!“, sagt da der kleine Engel, dieses Mal so ein wenig zu sich selbst. Er schluckt und sagt nochmals lauter: „FÜRCHTE DICH NICHT!“

Der kleine Engel schaut angestrengt in das Dämmerlicht, der Busch wackelt und jetzt erkennt er das Geräusch. Es ist ein leises Blöken, ganz jämmerlich klingt es. Der feine Schimmer am Himmel spendet ein wenig Licht und als der kleine Engel näher kommt, erkennt er ein Lämmchen. Es steckt in einem Dornenbusch fest und kann weder vor noch zurück!

„FÜRCHTE DICH NICHT!“, flüstert der kleine Engel und geht vorsichtig auf das Lämmchen zu. Das Lämmchen mäht leise und versucht zurückzuweichen, da sagt der kleine Engel noch einmal mit beruhigender Stimme: „FÜRCHTE DICH NICHT!“.

Da bleibt das Lamm ganz ruhig und sorgsam macht sich der kleine Engel an die Arbeit. Endlich ist die letzte Dornenranke aus der weichen Wolle gezogen und das kleine Schäfchen springt glücklich aus dem Dornenbusch. Mit vielen lustigen kleinen Bocksprüngen hüpft es übermütig über die Wiese und blökt sichtlich erleichtert! Der kleine Engel muss lachen! „Siehst du! Ich hab es dir doch gesagt: FÜRCHTE DICH NICHT!“

Der kleine Engel freut sich! Er ist so stolz, er hat es geschafft und hat das kleine Schäfchen gerettet. Zum Glück hat er sich getraut und ist dem komischen Geräusch auf den Grund gegangen!  Ab heute darf er sich einen Schutzengel nennen! Ein wohliges Kribbeln macht sich in seinem Bauch breit.

Voller Stolz und mit viel Schwung läuft er weiter. Das Feuer der Hirten auf dem Feld kann er schon sehen und auch der helle Stern in der Ferne leuchtet ihm den Weg.

Als der kleine Engel bei den Hirten angekommen ist, muss er kurz anhalten. Da ist wieder dieses mulmige Gefühl… Er, der kleine Engel, soll den Hirten eine Botschaft von Gott überbringen? Was ist, wenn er einen Schluckauf bekommt? Wenn er seinen Text vergisst? Wenn er zu leise ist und die Hirten ihn gar nicht hören können?

Der kleine Engel schluckt. Da hört er das Lämmchen leise blöken und das wohlige Kribbeln vertreibt das mulmige Gefühl im Bauch. Der kleine Engel räuspert sich und sagt laut und deutlich zu den Hirten:

„FÜRCHTET EUCH NICHT!“

Erschrocken blicken die Hirten zu dem kleinen Engel, sie haben noch nie einen Engel gesehen! Einige der tapferen Männer beginnen zu zittern, große Furcht erfasst sie.

Da sagt der kleine Engel noch einmal:

„FÜRCHTET EUCH NICHT!
Ich verkünde euch große Freude.
Heute ist der Retter geboren!
Ihr werdet das Kind finden,
in Windeln gewickelt
und in eine Krippe gelegt!“

Und noch während der kleine Engel spricht, erscheinen noch viele, viele Engel mehr und singen und jubeln:
„Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden!“

Da stehen die Hirten auf und machen sich auf den Weg, um das Kind in der Krippe zu suchen und um den Retter zu begrüßen.

Der kleine Engel schaut sich um, alle seine Freunde waren da! Sie lachen ihn an und er strahlt! Der große Engel kommt auf ihn zu und sagt: „Das hast du gut gemacht! Deine Botschaft ist angekommen! Dein FÜRCHTE DICH NICHT hat den Hirten Mut gemacht und jetzt gehen sie und begrüßen Gottes Sohn!“

Da strahlt der kleine Engel und das wohlige Gefühl macht sich wieder im Bauch breit. „Ja“, denkt der kleine Engel, „die Botschaft FÜRCHTE DICH NICHT! ist angekommen! Auch bei mir!“

Vorbereitung

Die Erzählung kommt ohne Material aus. Allerdings wünsche ich mir, dass die Geschichte nicht vorgelesen sondern erzählt wird! Zur Vorbereitung bitte mehrmals durchlesen, die Geschichte in Szenen einteilen und sich zu jeder Szene „ein Bild im Kopf malen“ – so kann man sich die Geschichte am besten merken. Beim Erzählen kann man auf die Gruppe eingehen / schneller oder ausführlicher erzählen / mit der Stimme spielen / einfach Spaß haben!

Rückblick

„Erzähl doch mal was von einem Engel!“ – Das war der Auftrag der Kindergartenkinder an mich und so ist sie entstanden, die Geschichte vom „kleinen Engel“. Die Kindergartenkinder haben viel Spaß mit der Figur und weitere Geschichte folgen.

3 Kommentare

  1. Danke für die schöne Geschichte. Wie wunderbar, wenn eine Fachkraft eine Geschichte erfindet, weil die Kinder sich das wünschen!
    Ich könnte mir gut vorstellen, dass man zu Beginn der Erzählung (wenn man beispielsweise im Kreis zusammen sitzt) einen kleinen Engel durch die Hände der Kinder gehen lässt und dann zu erzählen beginnt.
    Wer mag, darf im Anschluss vielleicht einen solchen Engel basteln und als persönliches „Fürchte-dich-nicht“ mit nach Hause nehmen.

  2. Danke für diese weihnachtliche Mut-Mach-Geschichte. Ich habe sie gestern gleich bei einer Kita-Fortbildung nutzen können.
    Eine Erzieherin stellte sich die Frage, ob der kleine Engel dann auch zur Krippe gekommen ist. Das lässt die Geschichte in dieser Form ja offen. Wer möchte, kann sich ja ein „Krippen-Ende“ dazu selbst ausdenken und in die eigene Erzählung dann einbauen.

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